Kl. 13

Vollständige Induktion

Wie beweist man, dass eine Formel für alle natürlichen Zahlen gilt – also unendlich viele Fälle? Ausprobieren reicht nicht. Die vollständige Induktion ist das Beweisverfahren dafür, und sie gehört im ersten Semester fast jedes Mathe-, Informatik- und Ingenieurstudiums zum Standard.

Die Idee: Dominosteine

Stell Dir eine unendlich lange Reihe von Dominosteinen vor. Damit alle umfallen, brauchst Du zwei Dinge:

  1. Der erste Stein fällt um.
  2. Jeder Stein, der umfällt, stößt den nächsten um.

Genau so funktioniert die Induktion. $A(n)$ ist eine Aussage, die von einer natürlichen Zahl $n$ abhängt, zum Beispiel „$1 + 2 + \ldots + n = \frac{n(n+1)}{2}$“.

Prinzip der vollständigen Induktion

Es sei $n_0$ eine natürliche Zahl. Wenn

  1. $A(n_0)$ wahr ist (Induktionsanfang) und
  2. für jedes $n \ge n_0$ aus der Gültigkeit von $A(n)$ die Gültigkeit von $A(n+1)$ folgt (Induktionsschritt),

dann ist $A(n)$ für alle natürlichen Zahlen $n \ge n_0$ wahr.

Das Schema

So schreibst Du einen Induktionsbeweis auf – in Klausuren wird genau diese Gliederung erwartet:

TeilWas Du tust
Induktionsanfang (IA)Du setzt den Startwert $n_0$ ein (meist $n_0 = 1$) und rechnest nach, dass $A(n_0)$ stimmt.
Induktionsvoraussetzung (IV)„Für ein festes, aber beliebiges $n \ge n_0$ gelte $A(n)$.“
Induktionsbehauptung (IB)Du schreibst auf, was zu zeigen ist: $A(n+1)$ – also die Aussage, in der überall $n + 1$ statt $n$ steht.
Induktionsschritt (IS)Du beweist $A(n+1)$ und benutzt dabei die Voraussetzung $A(n)$. Markiere die Stelle, an der Du die IV einsetzt.

Achtung bei der Induktionsvoraussetzung

Die Voraussetzung lautet nicht „$A(n)$ gilt für alle $n$“ – das wäre ja schon die Behauptung, und der Beweis würde sich im Kreis drehen. Du setzt nur voraus, dass $A(n)$ für ein bestimmtes $n$ gilt, und zeigst, dass es dann auch für den Nachfolger $n + 1$ gilt. Weil $n$ beliebig war, gilt dieser Schluss für jedes $n$.

Beispiel 1: eine Summenformel

Behauptung: Für alle $n \in \mathbb{N}$ gilt $\displaystyle\sum_{k=1}^{n} k = \frac{n(n+1)}{2}$.

IA ($n = 1$): Links steht $\sum_{k=1}^{1} k = 1$, rechts $\frac{1 \cdot 2}{2} = 1$. Die Aussage stimmt.

IV: Für ein festes $n \in \mathbb{N}$ gelte $\sum_{k=1}^{n} k = \frac{n(n+1)}{2}$.

IB: Dann gilt auch $\sum_{k=1}^{n+1} k = \frac{(n+1)(n+2)}{2}$.

IS: Spalte den letzten Summanden ab und setze die IV ein:

\[\begin{aligned} \sum_{k=1}^{n+1} k &= \sum_{k=1}^{n} k + (n+1) \overset{\text{IV}}{=} \frac{n(n+1)}{2} + (n+1)\\ &= \frac{n(n+1) + 2(n+1)}{2} = \frac{(n+1)(n+2)}{2} \end{aligned}\]

Das ist genau die Induktionsbehauptung. Damit ist die Formel für alle $n \in \mathbb{N}$ bewiesen. $\square$

Tipp

Bei Summen beginnt der Induktionsschritt fast immer gleich: letzten Summanden abspalten, IV einsetzen, zusammenfassen. Weißt Du nicht, wie Du zusammenfassen sollst, schau auf das Ziel – hier hilft es, $(n+1)$ auszuklammern. Mehr zu Summen: Summenzeichen.

Beispiel 2: Teilbarkeit

Behauptung: Für alle $n \in \mathbb{N}$ ist $n^3 + 2n$ durch 3 teilbar.

IA ($n = 1$): $1^3 + 2 \cdot 1 = 3$ ist durch 3 teilbar.

IV: Für ein festes $n \in \mathbb{N}$ sei $n^3 + 2n$ durch 3 teilbar, also $n^3 + 2n = 3m$ mit einer ganzen Zahl $m$.

IB: Dann ist auch $(n+1)^3 + 2(n+1)$ durch 3 teilbar.

IS: Multipliziere aus und suche den Term aus der IV:

\[\begin{aligned} (n+1)^3 + 2(n+1) &= n^3 + 3n^2 + 3n + 1 + 2n + 2 = (n^3 + 2n) + 3(n^2 + n + 1)\\ &\overset{\text{IV}}{=} 3m + 3(n^2 + n + 1) = 3\,(m + n^2 + n + 1) \end{aligned}\]

Weil $m + n^2 + n + 1$ eine ganze Zahl ist, ist der Ausdruck durch 3 teilbar. $\square$

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Beispiel 3: eine Ungleichung mit späterem Start

Behauptung: Für alle natürlichen Zahlen $n \ge 5$ gilt $2^n \gt n^2$.

Probiere zuerst kleine Zahlen: Für $n = 1$ stimmt es ($2 \gt 1$), für $n = 2, 3, 4$ aber nicht ($4 \gt 4$, $8 \gt 9$ und $16 \gt 16$ sind falsch). Erst ab $n = 5$ gilt die Ungleichung durchgehend – deshalb ist $n_0 = 5$.

IA ($n = 5$): $2^5 = 32 \gt 25 = 5^2$.

IV: Für ein festes $n \ge 5$ gelte $2^n \gt n^2$.

IB: Dann gilt $2^{n+1} \gt (n+1)^2$.

IS:

\[\begin{aligned} 2^{n+1} = 2 \cdot 2^n &\overset{\text{IV}}{\gt} 2n^2 = n^2 + n^2\\ &\ge n^2 + 5n \gt n^2 + 2n + 1 = (n+1)^2 \end{aligned}\]

Dabei wurde zweimal $n \ge 5$ benutzt: $n^2 = n \cdot n \ge 5n$ und $5n = 2n + 3n \gt 2n + 1$. $\square$

Tipp für Ungleichungen

Schreib Dir das Ziel $(n+1)^2$ an den Rand und schätze von $2^{n+1}$ aus nur in eine Richtung ab (hier immer „größer“). Jede Abschätzung muss für alle $n \ge n_0$ stimmen.

Typische Fehler

Häufige Fehler – und warum sie den Beweis ungültig machen

  • Induktionsanfang vergessen. Für die falsche Aussage „$n + 1 \lt n$ für alle $n$“ funktioniert der Induktionsschritt sogar: Aus $n + 1 \lt n$ folgt durch Addition von 1 $n + 2 \lt n + 1$. Trotzdem ist die Aussage für kein $n$ wahr – der erste Dominostein fällt nicht.
  • Voraussetzung „für alle $n$“. Damit setzt Du voraus, was Du beweisen willst (Zirkelschluss).
  • IV im Schritt nicht benutzt. Dann ist es kein Induktionsbeweis – und meistens ist irgendwo ein Fehler.
  • Von der Behauptung aus rückwärts rechnen und am Ende „$0 = 0$“ erhalten. Das ist nur dann ein Beweis, wenn jeder Schritt eine Äquivalenzumformung ist. Sicherer: von der linken Seite der IB zur rechten Seite umformen.
  • Falscher Startwert. Der Induktionsanfang muss genau bei dem $n_0$ gemacht werden, ab dem die Aussage gelten soll – und der Induktionsschritt muss für alle $n \ge n_0$ funktionieren.

Varianten

  • Induktion ab $n_0$: wie in Beispiel 3 – der Anfang ist nicht immer bei 1 (oft auch bei 0).
  • Starke Induktion: Im Schritt darfst Du voraussetzen, dass $A(k)$ für alle $k$ von $n_0$ bis $n$ gilt. Das braucht man zum Beispiel, um zu zeigen, dass jede Zahl $n \ge 2$ ein Produkt von Primzahlen ist.

Online üben

Die Aufgaben trainieren die rechnerischen Teile eines Induktionsbeweises: den neuen Summanden finden (Stufe 1), den Induktionsschritt zusammenfassen (Stufe 2) und den richtigen Startwert bestimmen (Stufe 3). Terme gibst Du mit n ein, zum Beispiel (n+1)^2.

Stufe 1 Stufe 2 Stufe 3 Neue Aufgaben

Stufe 3: Startwert bei Ungleichungen

  1. Aufgabe 1
    \(\text{Ab welchem } n_0 \text{ gilt } 2^{n} > 5n\text{ für alle } n \geq n_0\text{?}\)
    \(n_0 =\)
    \(n_0 = 5\quad(n = 4:\ 16 > 20\text{ falsch};\ n = 5:\ 32 > 25)\)
  2. Aufgabe 2
    \(\text{Ab welchem } n_0 \text{ gilt } 3^{n} > 5n^{2}\text{ für alle } n \geq n_0\text{?}\)
    \(n_0 =\)
    \(n_0 = 4\quad(n = 3:\ 27 > 45\text{ falsch};\ n = 4:\ 81 > 80)\)
  3. Aufgabe 3
    \(\text{Ab welchem } n_0 \text{ gilt } 2^{n} > n^{2}\text{ für alle } n \geq n_0\text{?}\)
    \(n_0 =\)
    \(n_0 = 5\quad(n = 4:\ 16 > 16\text{ falsch};\ n = 5:\ 32 > 25)\)
  4. Aufgabe 4
    \(\text{Ab welchem } n_0 \text{ gilt } n^{2} > 4n + 5\text{ für alle } n \geq n_0\text{?}\)
    \(n_0 =\)
    \(n_0 = 6\quad(n = 5:\ 25 > 25\text{ falsch};\ n = 6:\ 36 > 29)\)
  5. Aufgabe 5
    \(\text{Ab welchem } n_0 \text{ gilt } 2^{n} > 10n\text{ für alle } n \geq n_0\text{?}\)
    \(n_0 =\)
    \(n_0 = 6\quad(n = 5:\ 32 > 50\text{ falsch};\ n = 6:\ 64 > 60)\)

Tippe Deine Lösung ein und klicke auf „Prüfen“ (oder drücke Enter). Brüche als 3/4, Dezimalzahlen mit Komma, mehrere Lösungen mit ; trennen, Potenzen als x^2, Wurzeln als sqrt(5). Punkte: 10 für richtig beim ersten Versuch, 6 nach einem Fehlversuch, 5 mit Tipp, 0 wenn Du Dir vorher die Lösung anschaust. Deine Punkte und Abzeichen siehst Du unter Mein Training.

Arbeitsblatt: Vollständige Induktion

Bis zu 10 Aufgaben mit Lösungsblatt zum Ausdrucken – bei jedem Klick neue Aufgaben. Klasse 13.

Schwierigkeit

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